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Wenn uns etwas fehlt, dann ist es Unverständnis und Empörung!

Was wir ja absolut verlernt haben, ist, dass Empörung immer „nach

Oben“ gehen muss. Also die Symptome eines defekten Systems

zu beschuldigen und zu bezichtigen sind. Aber wir konzentrieren

uns so sehr auf die Nebensymptome und begegnen ihnen mit

Empathie, das kann es nicht sein. Wir müssen Wut und Empörung

empfinden –

die Empathie können wir uns schenken, das ist, glau-

be ich, sehr lähmend. Auch dazu hat bereits Oscar Wilde gesagt:

„Wohltätigkeit zerstört die Moral“, das klingt natürlich sehr provo-

kant im ersten Moment, aber es befördert eine Perpetuierung der

Zustimmung und der Zustände.

Peter Kaiser:

Ich möchte gerne nochmals auf die zweite Hälfte des

Zitates eines Workshopteilnehmers anknüpfen, der meinte: „Irgend-

wie sind wir ja alle auf der Flucht“, nicht bezogen auf die Flücht-

linge, sondern auf der Flucht

vor

der gesellschaftlichen Komplexität

in die Vereinfachungen und die Durchschaubarkeit. Das war ja

für mich eigentlich die Message, die Botschaft, die gekommen ist.

Mir ist außerdem aufgefallen, dass ich vorher etwas nicht erwähnte,

das ich auf einem der Flipcharts bei der ersten Arbeitsgruppe ge-

sehen habe. Nämlich wo kommt Empörung her, was sollte empören,

und woran gewöhnen wir uns?

Meine Damen und Herren, wir alle sitzen hier, inklusive mir, und wir

wissen, dass 61 Menschen auf dieser Erde mehr an Vermögen, Be-

sitz und Geld zur Verfügung haben als die ärmere Hälfte der Weltbe-

völkerung. Wir wissen, dass ein Prozent mehr hat, als die anderen

99 Prozent, und wir wissen, dass im Sozialstaat Österreich fünf Pro-

zent mehr besitzen als die anderen 95 Prozent. In dieser Normalität

leben wir.

Wenn jetzt jeder glaubt, dass wir ab morgen nur noch eine Vertei-

lungs gerechtigkeitsdebatte in diesem Land und überall auf der Welt

führen, dann schauen wir uns doch die Realität an. Hier wird jetzt

in

höchst

politischen sozialdemokratischen, christlich-sozialen, libe-

ralen und alternativen Bereichen überlegt, wie man eine bedarfsori-

entierte Mindestsicherung reduzieren, differenzieren und nach un-

ten nivellieren kann. Das soll keine Wertverurteilung sein, es zeigt

lediglich, wie der generelle Trend des Denkens, wahrscheinlich auch

beeinflusst von der Informationsgesellschaft, bei uns schon interna-

lisiert ist. Wir empören uns nicht mehr. Der Mann, der „Empört

euch!“ gefordert hat, lebt nicht mehr. Sind wir jetzt allein?

Politische Bildung

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