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welche Frage spreche ich dabei an – jene, die quasi die „Kernenergie

des Kapitalismus“ betrifft, nämlich das Profitstreben.

Es ist aber entscheidend, wie die Anreizbedingungen für die Frage

„Welche Aktivitäten treibt das Profitstreben an?“ gesetzt sind. In den

1950er bis 1960er-Jahren habe ich eine Spielanordnung gehabt, in

der sich das Profitstreben nur in der Realwirtschaft entfalten konnte.

Bei festen Wechselkursen, stabilen Rohstoffpreisen, nicht vorhande-

nen Finanzderivaten, schlafenden Aktienbörsen usw. musste sich

das Profitstreben in der Realwirtschaft entfalten und dann entsteht

Vollbeschäftigung quasi als Nebenwirkung. An sich haben Unter-

nehmer kein genuines Interesse an totaler Vollbeschäftigung. Wenn

sie sich aber sozusagen nur in der Realwirtschaft durch Realinves-

titionen entfalten können, passiert genau das. Der Kontrast zu dieser

realkapitalistischen Spielanordnung ist jener der letzten 30, 40 Jahre,

in der sich das Profitstreben zunehmend auf Umverteilungsspiele

konzentriert hat. Solche Spielanordnungen zerstören sich immer

selbst. Die Frage ist nur „Wie kann man diesen Prozess der Selbst-

zerstörung der Spielanordnung verkürzen?“. Da spielt die Frage der

Demokratie eine entscheidende Rolle, die im Zuge der Krise in

Misskredit geriet, weil die Menschen zu Recht das Gefühl haben –

das muss doch auch die Politik verursacht haben – und das hat sie

auch, indem sie an diesen Änderungen in der Spielanordnung mitge-

macht bzw. nichts geändert hat.

Die Frage „Was ist nun die gemeinsame Basis dieser Krise?“ lässt

sich für mich mit der neoliberalen Weltanschauung erklären – diese

war viel mehr, als eine rein wirtschaftswissenschaftliche Theorie.

Tatsächlich war es ein großer Plan zur systematischen und organi-

sierten Umwandlung der Gesellschaft, zur Zerstörung des Sozial-

staates, zur Vertreibung der keynesianischen Ökonomen und zu einer

Reduktion der Demokratie im Sinne von einer umfassenden

Vorherrschaft des Marktes, der ja als höheres Wesen gedacht wird.

Es ist grotesk, dass sich der Neoliberalismus als eine „Theorie im

Namen der Freiheit“ definiert, diese aber gleichzeitig das größte

Projekt der Gegenaufklärung, der Entmündigung von Menschen be-

deutet, weil selbst die gewählten Politiker sich dem höheren Wesen

des Marktes zu unterwerfen haben. Und die Katastrophe von

Griechenland ist nichts anderes als die Exekution dieser „religiösen“

Anschauung, dass die Meinung der Bevölkerung im Zweifelsfalle

nichts zählt, denn der Markt und die Wirtschaftswissenschaftler er-

klären was zu geschehen hat.

Politische Bildung

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