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Neben dem Turnen und Radfahren konnten sich die
ArbeiterInnen gegen Ende des 19. Jahrhunderts insbe-
sondere für das Wandern und Bergsteigen begeistern.
Die Gründung des Touristenvereines „Die Naturfreunde“
im September 1895 geht auf die Initiative des Wiener
Lehrers Georg Schmiedl zurück. Über eine Annonce in
der Arbeiter-Zeitung Ende März zusammengefunden,
zählten neben Alois Rohrauer (Obmann) auch der Student
und spätere Staatskanzler Karl Renner zu den ersten
Mitgliedern des Vereines.
Abb. 1 | Abb. 2
DemMotto: „Hand in Hand durch Berg und Land“
folgten als erste Ortsgruppe in Kärnten die Wolfsberger
Naturfreunde, deren Gründung mit 29. Juni 1901 datiert.
Zum Stellvertreter von Obmann Berger wurde Johann
Filippi gewählt. Vier Monate später umfasste die Gruppe
bereits vierzig Mitglieder, die im Jahr 1902 immerhin zehn
„Partien“ unternahmen.
Die Klagenfurter Naturfreunde konstituierten sich wenige
Monate später, am 4. Mai 1902. Beeindruckt waren die
Mitglieder vor allem von einer in der Anfangsphase der
Bewegung vorgenommenen nächtlichen Ausfahrt über
denWörthersee:
„Um 9 Uhr abends lichtete das mit bunten Lampions
prächtig dekorierte Schiff „Loretto“ww die Anker. [...]
Durch den Lendkanal ging´s in halbstündiger angenehmer
Fahrt hinaus in denWörthersee, dessen leichtgekräuselte
Wellenfläche übergossen war von demmagischen Lichte
des Mondes. [...] Dann wurde die Rückfahrt angetreten [...]
voll der Erinnerungen an die herrliche Sommernacht am
Wörthersee.“
(Der Naturfreund, 1905)
In Villach fand die konstituierende Generalversammlung
der Naturfreunde am 16. April 1903 statt. Unter dem
Obmann Oswald Achatz konnte das Lokal der Gewerk-
schaften am Kaiser Josefplatz 4, heute Standort des Hotels
Kasino, als Vereinslokal gewonnen werden.
Weitere Vereinsgründungen der Naturfreunde sind zu
Beginn des 20. Jahrhunderts etwa für Ferlach (1905),
Spittal/Drau (1907), Völkermarkt (1909) und
Radenthein (1913) dokumentiert.
Abb. 3
Die wachsende Industrialisierung und das
Ende der staatlichen Unterdrückungs-
maßnahmen hatten zur Ausbreitung des
ArbeiterInnensportes auf dem Lande
wesentlich beigetragen. Von dieser
Entwicklung begünstigt, kam es in Kärnten
nach denWirren des ErstenWeltkrieges zur
Herausbildung zahlreicher Arbeiter Turn-
und Sportvereine. Exemplarisch sei auf die
Genehmigung der Statuten des „Arbeiter
Turn- und Sport- Vereines Freiheit“ in Villach
verwiesen, die am 24. Oktober 1919 bei der
Landesregierung in Klagenfurt vorgelegt
wurden.
(KLA 13-C-3894 Ak)
Der Obmann des
Vereines, der Kaufmann Arthur Glesinger,
flüchtete gut zwei Jahrzehnte später vor
den Nationalsozialisten nach Palästina und
kehrte erst nach Kriegsende wieder nach
Villach zurück.
Etwas später vollzog sich die Gründung des
Arbeiter-Turnvereines inWolfsberg, über
die Obmann Josef Leitner und Schriftführer
Franz Freiberger die Kärntner Landesregie-
rung am 22. Dezember 1923 informierten.
Als Ausschussmitglieder wurden Felix
Woltsche (Stellvertretender Obmann),
Siegfried Ragger (Kassier) sowie Paul Kügler
und Nikolaus Kopp (Kontrolle) angeführt.
(KLA, 13-C-3897Ak)
Analog fanden weitere Sportarten
(Handball, Tennis, Eissport, Jiu-Jitsu)
Aufnahme in den ArbeiterInnensport, der
organisatorisch und institutionell mit der
Gründung des VAS (Verband der Arbeiter-
und Soldaten-Sportvereinigungen Öster-
reichs) und der Umbildung des bis heute
aktiven Arbeiterbundes für Sport
und Körperkultur in Österreich (ASKÖ)
1924, an Profil gewann. Der ASKÖ trug
entscheidend zur Austragung der zweiten
Arbeiterolympiade in Mürzzuschlag und auf
dem Semmering bzw. inWien im Jahr 1931
bei. Als Gegenentwurf zu den Olympischen
Spielen konzipiert, bleiben vor allem die
Bilder gemeinsam turnender Arbeiter-
massen oder der Sieg der österreichischen
Eishockeynationalmannschaft
in Erinnerung.
Abb. 4 | Abb. 5
… UND „DEN KÖRPER NICHT OHNE DEN GEIST“
Die Anfänge der ArbeiterInnensportbewegung in Kärnten
4
3
2
1
Bericht in der
Arbeiter-Zeitung vom
9. 2. 1931 über den Sieg der
österreichischen Eishockey-
nationalmannschaft bei
der Arbeiterolympiade in
Mürzzuschlag.
Der Anzeige in der Arbeiter-Zeitung vom 22. März 1895 folgten
rund 30 Interessenten, die sich zu einer ersten Besprechung der
Naturfreunde im Gasthaus „Zum Silbernen Brunnen“ einfanden.
Der Beschluss zum
Naturfreunde-Abzeichen
erfolgte auf Vorschlag
Karl Renners. Der Handschlag
steht für Solidarität –
damals wie heute ein
unverzichtbarer Wert.
© Naturfreunde Österreich
ArbeitersportlerInnen
bei einem Aufmarsch
vor dem Parlament im
Rahmen der Arbeiter
olympiade 1931.
© ÖNB
5
Stempel der
Völkermarkter
Naturfreunde.
© KLA